• Home
    Home Hier findest Du alle Beiträge der Seite.
  • Kategorien
    Kategorien Zeigt alle Kategorien.
  • Tags
    Tags Zeigt eine Liste von Tags die im Beitrag verwendet wurden.
  • Autoren
    Autoren Suche nach Mitgliedern.
  • Team-Blogs
    Team-Blogs Suche nach Teams.
  • Archiv
    Archiv Liste von früher erstellten Beiträgen.
  • Login

DNS II, Kapitel 8

Veröffentlicht von am in Buch Kapiteln

Femina kann sich nicht erinnern, wie lange sie am Ort des Vergessens gewesen war und auch nicht, wie oft sie von einem Bewußtseinszustand in einen anderen verfiel. Alles war unwirklich, verschwommen, ein unscharfes Bild, aufgenommen von einer nicht so recht funktionierenden Kamera. Aber sie war nicht alleine. Rocky ist an ihrer Seite, ob sie aus dem Schlaf erwacht, oder dämmernd in einen anderen verfällt, er ist immer da. Er gibt ihr gutes klares Wasser zu trinken und, als sie langsam mehr Details wahrzunehmen beginnt, bemerkt sie, daß er ihr manchmal auch aus einem zu einer Tüte geformten grünen Blatt, eine kleine Menge grünen Saftes einflößt. Sie wird sich auch bewußt, daß sie längst nicht mehr in der schwarzen Stille einer Höhle liegt, sondern Zwielicht um sie herrscht, voll mit Geräuschen, über einem steten, dumpfen Donnerollen, das Luft und Boden leicht vibrieren läßt. Sie versucht immer öfter ihre Augen offen zu halten, was sie anfangs allerdings nicht lange verträgt. Es ist das Licht, das sie besser fühlt, als sie es zu sehen vermag, denn es schmerzt ihre Augen. Sie glaubt manchmal sogar, Wilson habe sie nun doch in seine Gewalt gebracht und daß er sie nun quäle. Vielleicht will er sie einfach blind machen. Sie versucht des öfteren hochzuspringen, um davonzulaufen, doch dazu ist sie zu schwach. Sie rollt dann den Boden entlang, nicht wissend in welche Richtung sie eigentlich fliehen könnte, aber da ist dann wieder Rocky an ihrer Seite und versichert ihr, daß Wilson sie nicht gefunden habe. Immer wieder beruhigt er sie, wenn sie in ihrer Verwirrung nicht weiß, was Traum, oder wirklich ist. Immer wieder sagt er, sie seien sicher und sie solle nur schlafen, solange sie es nötig hätte. Er wäre immer in ihrer Nähe, sie brauche nur etwas mehr Zeit und etwas mehr Kraft, um sich an Licht und Nahrung zu gewöhnen, und, daß sie sich ganz gewiß auf etwas Schönes freuen könne.

So wie ihr Wachsein zunimmt, also ihr Wirklichkeitssinn zurückkehrt, so hört sie auch immer mehr vertraute, nicht nur verwirrende und alarmierende Geräusche. Da ist ein Surren und Summen von Insekten und Bienen, ein Flattern und Schlagen von Flügeln, Gezwitscher und Vogelgesang. Seltsamerweise lassen sie lästige Insekten in Ruhe. Aber vielleicht ist sie nur derart blutlos geworden, daß sie selbst für diverse Blutsauger keine gute Nahrungsquelle ist. Sie stellt fest, daß ihr Bett aus Moos und Farnen besteht und, wenn das Zwielicht zur Nacht wird, sorgt Rocky für ein kleines Lagerfeuer, das sie trotz kühler Luft warm hält. Nur ihre Haut ist ihr so fremd, als gehöre sie ihr gar nicht. Sie ist aschgrau und fühlt sich seltsam glatt an, als sei sie keine wirkliche Haut, sondern ein hauchdünner Film aus Schmierseife, oder gebrauchtem Wachs.

All diese Wahrnehmungen sind natürlich Zeichen ihrer Genesung. Auch ihr Wohlbefinden ist keine Einbildung, sondern verbessert sich mit jedem Tag. Sie kann nun neben Wasser allerlei andere Säfte trinken, aus Pflanzen und Beeren, wie Rocky sagt. Er gibt ihr zunehmend kleine Mahlzeiten, Breiartiges aus Wurzeln und Knollen, die er täglich zubereitet und oft mit allerlei Grünzeug vermischt. ‚Ähnlich wie Gemüse‘, meint er lächelnd. Sie ißt Früchte, die sie nicht kennt, ja noch nie gesehen hat, ihr Appetit wird immer größer, sowie die Portionen, die sie nun geradezu heißhungrig verschlingt und, ihre Körperfunktionen haben sich normalisiert. Rocky hat ihr sogar eine Art Plumpsklo gemacht. Etwas zurück im Tunnel, wo es Felsspalten im Weg gibt, hat er eine geeignete gefunden, über der er mit kleinem und größerem Gestein einen zweckdienlichen Sitz errichtet hat. Es ist nur für sie, denn er selber kann jederzeit die Höhle, ihre derzeitige Wohnstätte, verlassen. Das tat er ohnehin jeden Tag, um für frisches Wasser und Nahrung zu sorgen. Im Gegensatz zu ihr war er dazu fähig, war auch nie am Ende seiner Kräfte gewesen, nur, wie er später zugibt, zunehmend schwächer geworden. In den ersten Tagen ihrer Rettung, mußte er sie zu ihrem ‚Örtchen‘ tragen. Allerdings war sie derart dehydriert gewesen, daß es sich nur wenige Male als nötig erwies. Unterstützung beim Gehen brauchte sie schon länger. Sich ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit von ihm jedoch recht bald bewußt werdend, war heilsam. Es gab ihr einen Energieschub, grad so, als würde man eine tote Batterie durch ein Starterkabel zu neuem Leben erwecken, um sie danach am Laufen zu halten, ein Auftrag, dem ihr Lebenswille nur allzu gerne nachkommt. Freilich ändert das nichts an der Tatsache, - Rocky ist ihr Lebensretter, ihr Schutzengel. Er hat sie nicht nur durch, sondern auch aus dem Niemandsland geführt und ist nach wie vor, dank seiner Kenntnisse als Ureinwohner dieses Landes, unentbehrlich. Obwohl auch er nicht wirklich weiß, wo sie sind, noch, wie es weitergehen soll, ohne ihn wäre sie natürlich auch jetzt verloren. Ihr Verstand sagt, Rocky ist ein außergewöhnlicher Mann. Ihr Herz weiß, er ist ein ganz besonderer Mensch.

Sie bemerkt, daß er ihr Schlaflager, wenn er es erneuert, immer weiter nach vorne Richtung Höhlenausgang verlegt, wo auch er sein Lager hat. Ständig weist er sie an, Muskelübungen zu machen, sich so viel wie möglich zu bewegen. Er will ihre Flucht baldigst fortsetzen. Ihre Mithilfe, nicht Hilflosigkeit, ist mehr als gefragt. Er rechnet mit vielen Herausforderungen, die sie sich, wahrscheinlich naiverweise, nicht einmal vorstellen kann.

Obwohl sie Erinnerungslücken hat, vieles kommt nun doch zurück; auch, daß sie in der Anfangsphase ihrer Rettung nackt gewesen war, was sie damals natürlich nicht bekümmerte, wußte sie doch nicht einmal, ob sie nicht ohnehin schon tot war. Als sie sich ihrer Blöße bewußt wurde und Rocky fragte, ob sie nicht etwas zum Bekleiden hätte, übergab er ihr auch gleich alles, das er aus ihrem Gepäck rausgesucht und mitgenommen hatte, als sie gehunfähig geworden war und er sie tragen mußte. Ihre Frage, warum sie überhaupt nackt gewesen war, beantwortete er nur mit Achselzucken und einem kurzen Kommentar. ‚Das sei letzendes das praktischste gewesen.‘ Außerdem mußte er immer mehr Dinge auf dem Weg zurücklassen, allein schon, um mit seinen Kräften sparsam umzugehen. Er habe sie aber erst wirklich völlig entkleidet, als sie in der rettenden Höhle gelandet waren. Sie sah schnell ein, daß er nur getan hat, was getan werden mußte. Abgesehen davon war ihr Schamgefühl ohnehin unnötig. Rocky war nicht nur homosexuell, sondern ist auch völlig Oliver ergeben, der Liebe seines Lebens, wo es kein Wenn und Aber gibt. Sie war also nie sein Interesse gewesen, sondern ist nur jemand, der seine Hilfe braucht.

Was Rocky aus ihrem Rucksack rausgesucht hatte, ist wirklich nur das Notwendigste, doch den Umständen entsprechend ist es mehr als genug. In dieser vergessenen Welt isolierter Abgeschiedenheit könnte sie sich eigentlich auch mit einem Feigenblatt begnügen. Der Rest ihrer Habe ist jedoch, verstreuten Brotsamen gleich, auf dem Weg durch das Labyrinth, im Berginneren zurückgeblieben. Wo genau, das weiß nicht einmal Rocky. Später, als sie ihn fragte, ob er nicht auch ans Aufgeben gedacht habe, sagte er nur ‚Nein! Aufgeben war keine Option. Nicht er bestimme sein Ende, die Natur bestimme das für ihn.‘

Sie erfuhr dann auch, was es mit ihrer Haut auf sich hatte. Rocky hatte sie mit einem selbst hergestellten ‚Schutzmittel‘ gegen Insekten eingerieben. ‚Er brauche es nicht oft, sagte er, da er, hier aufgewachsen, sowas wie eine natürliche Abwehr entwickelt habe. Aber es würde von ihnen allen verwendet. Jedes Kind lernt, es herzustellen. Es gäbe oft Mückenplagen, die ihnen zusetzen würden. Und es schütze nicht nur vor Mücken, sondern helfe auch gegen Kälte,‘ fügte er noch hinzu. Tatsächlich braucht man nur Asche und Wasser, das man zu einer Paste verarbeitet, mit der man sich dann einreibt. Er hatte natürlich, wie immer, recht, auch was den Kälteschutz angeht, denn, trotzdem sie sich in der Trockenzeit befinden, sind die Nächte hier feucht und, wenn schon nicht kalt, so doch unangenehm kühl. Sie sind zudem im Landesinneren, in den Bergen und obendrein in dichtem Regenwald. Sie hat nie unter Kälte gelitten, nicht einmal, als sie nackt war, aber auch jetzt nicht, trotz spärlicher Bekleidung. Das Feuer, das Rocky jeden Abend anfacht, ist auch nicht all zu groß. Sie lernt die Paste selber zu machen und verwendet sie immer wieder, wenn auch spärlicher und nur auf der bloßen Haut. Die Mücken summen zwar immer gierig um sie rum, aber stechen tut sie keine. Sie zieht es vor, sich einzureiben, statt mehr anzuziehen, denn das muß ja auch gewaschen werden, was derzeit noch immer Rocky erledigt. Nicht, daß sie viele Kleidungsstücke zur Auswahl hätte. Außer einem dünnen Wollpullover, ihrer Daunenjacke, neben 2 singlets, einer leichten Sommerhose und einem Sarong, das ist auch schon alles, was sie an Kleidung besitzt.

Sie erfuhr auch, warum Ger Rocky zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs nur wenig helfen konnte. Er hatte nämlich genug mit seinem Bruder zu tun. Gegenseitige Hilfe beschränkte sich also auf Notsituationen, die sich ohnehin mehr und mehr häuften. Oliver‘s Zustand war schließlich schon seit Beginn ihrer Flucht, auf Grund seiner Körperverletzungen, nicht grade gut gewesen, aber die geistige Verwirrung, im Rahmen zunehmender Delirien, machten ihn unberechenbar und manchmal schlichtweg gefährlich. Femina gab sich damit vorerst mal zufrieden. Erst als ihre eigene Genesung fortschritt, wurden ihr die Fragen, was Ger und Oliver betraf, wichtig. Sie wollte, nein, mußte wissen, warum sie mit Rocky alleine war. Er gab ihr daraufhin eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse: ‚Ger hätte seinen Bruder nur mit großer Mühe aus der „Unterwelt“ bringen können. Oliver versuchte sich ständig von ihnen zu trennen. Femina vermutete sogleich, daß das nicht nur aus Gründen zunehmender Verwirrung geschah, sondern auch aus seelischer Verzweiflung und er eigentlich gar keine Rettung wollte. Wie auch immer! Letzendes hatte er keine Lichtblicke mehr, sondern verfiel in ein permanentes Delirium, unzurechnungsfähig, orientierungslos, geplagt von Paranoia und Gedächtnisverlust. Zuletzt konnte er nicht einmal mehr seinen Bruder erkennen. Es blieb Ger nichts anderes übrig, als ihn so gut wie möglich, zum Bündel verschnürt, den Weg entlang zu führen, oder auch streckenweise zu tragen. Femina ist geradezu dankbar, daß sie das alles nicht mehr bewußt miterlebt hat. Es mußte der reinste Horror gewesen sein. Nachdem sie trotz aller Probleme dem Berginneren entkommen und in dieser Höhle gelandet waren, und sich mit lebensrettendem Wasser versorgen konnten, wurden ihre erschöpften und kaputten Körper vom längst fälligen Ruhebedürfnis übermannt. Sie alle verfielen ausnahmslos, so schien es zumindest, in einen tiefen Schlaf, von dem es dann allerdings ein böses Erwachen gab: Oliver war nicht mehr bei ihnen. Ihr verzweifeltes Rufen blieb unbeantwortet. Er war auch nicht ins Freie gerannt, wie sich Rocky sogleich vergewisserte. Was das bedeutete, ließ keinen Zweifel zu. Ger wollte natürlich gleich wieder in den Berg zurückgehen, eine völlig unlogische Reflexreaktion, war er doch selber zu erschöpft und obendrein planlos. So hörte er dann doch auf Rocky, der ihm vorschlug, sich erst mal auszuruhen. Oliver würde in seinem Zustand sicher nicht weit kommen. Zudem, ob, wie und wer weiß in welchem Zustand Ger ihn finden würde und ihn dann auch noch versorgen zu müssen, wahrscheinlich sogar gegen dessen Widerstand, das wäre kein Rettungsversuch, sondern schlichtweg aussichtslos. Rocky würde mit ihm auf die Suche gehen, sobald Femina erst mal versorgt war und sie sich selber ein wenig erholt hätten. Freilich könnte auch Ger bei Femina bleiben und er, Rocky würde auf Suche gehen, aber auch er brauche eine Rast, um wieder zu Kräften zu kommen. Ger stimmte halbherzig zu, wollte aber die Suche nicht Rocky überlassen. Und leider hielt er es auch nicht lange aus, ging also schneller wieder in den Berg zurück, als vernünftig schien. Wohl mit Wasser im Notgepäck, sowie den dehydrierten, vakuumverpackten Mahlzeiten, die sie ohne Wasser nicht mehr konsumieren konnten, aber vernünftigerweise auch nicht weggeworfen hatten. ‚Leider sei das nun doch schon mehr als ein paar Tage her,‘ meinte Rocky abschließend und schwieg.

Femina sah natürlich, wie bekümmert er war. Als sie ihn zu trösten versuchte, winkte er ab. Freilich! Es war schließlich sie, die ihn hinderte, mit Ger auf Suche zu gehen. So nahm sie denn seine Hände und drückte sie ganz fest und inniglich.

„Ist schon gut,“ meinte er gleich: „Eines nach dem anderen. Wir haben noch Zeit ein wenig zu warten und was wird, werden wir schon sehen. Es gibt ohnehin viel zu tun. Du mußt erst mal raus aus der Höhle, dich ans Sonnenlicht gewöhnen, und ja, ins normale Leben zurückkehren. Du mußt stark genug werden, denn noch sind wir nicht im sicheren Hafen, bloß aus der unmittelbaren Gefahrenzone.“ Sie ließ es dabei bewenden. Was könnte sie dem schon beifügen!

Ihre Unruhe wächst. Immer weniger kann sie ertragen, alles und jedes Rocky zu überlassen und beginnt damit, Arbeiten zu übernehmen. Manchmal glaubt sie mehr ein Hindernis zu sein, doch zeigt er nie auch nur die kleinste Geringschätzung. Im Gegenteil! Er ist geduldig mit ihr. Überhaupt erledigt er alles mit Sorgfalt und Umsicht, fast stoisch könnte man sagen. Wie er ein Desperado sein konnte, wird ihr immer rätselhafter.

Er läßt sie jetzt tagsüber alleine in der Höhle zurück. Was er macht, darüber hat sie ihn wohl befragt, er sagt aber nur, daß er dabei sei, sich um ihren weiteren Fluchtweg zu kümmern und für ihre anderwärtigen täglichen Bedürfnisse zu sorgen. Schließlich gibt sie sich damit nicht mehr zufrieden und besteht darauf, daß er über Pläne und Vorhaben mit ihr spricht.

Er schaut sie nachdenklich an. „Okay!“ sagt er dann: „Wir werden klettern müssen, um von hier weg zu kommen. Wir sind nämlich in einem Senkloch. Wie tief es ist, kann ich nicht sagen, aber du wirst viel mehr Muskelkraft brauchen, als du es derzeit hast. Fang also an zu trainieren. Es gibt genug Wurzelstränge an den Wänden, die sich für diverse Übungen eignen. Abgesehen davon, um diese unsere Höhle zu verlassen, mußt du ohnehin klettern. Der Höhlenausgang liegt in einer Felswand ungefähr 15 bis 20m vom Boden. Das heißt, um rein oder raus zu kommen, muß man klettern. Das heißt aber auch, deine Augen müssen wieder fähig werden, sich den unterschiedlichen Lichtverhältnissen anzupassen. Zu fallen und dich verletzen, wär‘ wohl das Letzte, das wir brauchen können.“

Sie verbringt ihre Zeit nun vorwiegend am Höhleneingang und hält sich an einen von ihr erstellten Plan für all ihre Aktivitäten; ob häusliche Routinearbeiten, Muskeltraining, oder Pausen, auch die sind miteingeplant. Ihre Disziplin lohnt sich, denn sie kommt schneller voran, als sie zu hoffen gewagt hatte. Ihre Muskeln stärken sich, ihre Konzentrationsfähigkeit wird immer besser und erst recht ihre Sehkraft. War die Höhle anfangs mit einem Vorhang aus grellem Licht verschlossen, ist dieser nur mehr ein Schattenspiel aus mildem Grün, wo am oberen Teil sogar etwas blau zu sehen ist. Es gibt noch andere Vorteile, denn je näher sie dem Ausgang ist, desto lauter und lebendiger wird auch alles rund um sie. Hin und wieder wagen sich sogar kleine Vögel und Schmetterlinge etwas weiter in die Höhle rein, doch vorwiegend finden sie sich vor, oder im Eingang ein.

In ihren Pausen sitzt Femina also auf dem mit Moos und Gräsern bewachsenen Boden des Höhlenzuganges, vor allem, um ihre Sinne zu stärken, wie zum Beispiel im Licht so viele Details wie möglich zu finden, bevor ihre Augen zu tränen beginnen, oder sich auch immer mehr an all die Geräusche zu gewöhnen, die auf sie einströmen. Sie kann diese nun sogar ‚abschalten‘. Das konnte sie in den ersten Tagen ihrer Rettung, wo Realität und Verwirrung ineinander übergingen, nicht, so erinnert sie sich wenigstens. Da gab es nebst Vertrautem auch viel Beunruhigendes und manchmal wurde alles geradezu unerträglich, weil es einfach nie aufzuhören schien. Das hat sich nun grundsätzlich geändert. Sie empfindet nichts mehr als unerträglich, höchstens als überwältigend; und nichts ist mehr bedrohlich. Stimmt! Es kann schon laut werden, doch sie muß ja nicht hinhören. Langweilig ist es jedoch nie. Ganz im Gegenteil! Sie lauscht eigentlich gerne und genießt die Fülle, wie sie das noch nie zuvor in ihrem Leben getan hat. Ihr Stillsitzen ist also keine wirkliche Pause, sondern bloß eine andere Art von Aktivität.

Sie lächelt. Sie freut sich auch immer über die kleinen Besucher, die anflattern und ohne Scheu um sie herumhüpfen. Kleine tschirpende, zum Schalk aufgelegte Federbällchen sind sie, in allerlei Mustern und Farben und mit wißbegierigen Augen. Richtig neugierig sind sie, könnte man meinen, so wie sie um sie herumhopsen und sie bezwitschern. Für Femina sind sie einfach beste Unterhaltung. Sie werden auch immer zutraulicher und, manchmal, auch dreister.

Heute verirrte sich ein wundersamer Vogel zu ihr rein; der Körper samtdunkel schwarz, mindestens so groß wie ihre Hand, mit wunderschönen Schwingen, die mit einem breiten türkis, blaugrün schillernden Band versehen sind, das quer über den Rücken von Flügel zu Flügel und dann entlang deren Konturen verläuft, als sollten diese besonders leuchten, um ihre Pracht zu vertiefen. Allerdings fliegt dieser Vogel irgendwie ganz anders wie ein Vogel. Es ist einerseits ein Schwingen, dann wieder ein Flattern und die irisierenden Farben funkeln dabei wie das türkise Licht in einem schwarzen Opal. Kein Laut ist zu hören. Es bewegt sich nur die Luft, deren sanfte Wellen Femina‘s Haut berühren. Fasziniert verfolgt sie seinen Flug bis er sich, nicht weit von ihr, auf einem aus einer Felsspalte hervorragenden Wurzelstrang niederläßt. Erst jetzt sieht sie, daß es kein Vogel ist, sondern ein Schmetterling. Was für ein wundersames, zauberhaftes Geschöpf! Muß wohl aus dem Paradies selber gekommen sein. Er hat sich sicherlich verirrt und ist nun verwirrt, denn was könnte er in dieser Höhle ohne viel Pflanzen und Sonnenlicht schon finden! Sie starrt auf ihn und rührt sich nicht. Sie will ihn nicht beängstigen. Aber da hebt er auch schon wieder ab, umflattert sie und dann entschwindet er, fliegt gradewegs hinaus ins Licht, zu dem, was auch immer draußen auf ihn wartet. Oh mei! Es war ihr, als hätte er ihr eine Botschaft überbracht: ‚Mach dich bereit, es ist an der Zeit! Geh durch‘s Licht! Folge mir hinaus in die Sonne!‘

Als sie mit Rocky zusammensitzt und ihm begeistert davon erzählt, sieht er sie gedankenvoll an und nickt schließlich zustimmend. Auch er glaubt, daß es zumindest ein Zeichen, oder eine Einladung war, sich endlich aus der Sicherheit der Höhle zu begeben.

„Ich würde allerdings lieber dabei sein, wenn du dich dazu entschließt“, sagt er. „So wie ich dich kenne, wirst du dich nicht grad in Geduld üben, trotzdem ich dir genau das rate. Deine Augen sind sicher noch nicht schnell genug, um sofort auf Licht und Schatten zu reagieren. Ungeduld kann also teuer werden. Abgesehen davon, auch wenn es hier keine großen Wildtiere gibt, vor denen du dich in Acht nehmen müßtest, du mußt sehr wohl aufpassen, wohin du greifst, wohin du trittst, oder gar auf was. Kleingetier, wie Spinnen, Skorpione und natürlich Schlangen, große, wie kleine, gibt es sehr wohl. Viele davon sind giftig und werden sofort attackieren, sollten sie sich in Gefahr glauben. Die Vegetation ist dick und der Boden voller Wurzeln, auch auf dem Weg zum Wasser, den ich bereits ein wenig ausgetreten hab. Du mußt außerdem beim Klettern in blättrige Wurzelstränge greifen, da kann sich schon einiges darin verstecken. Langsam sein, heißt hier, bedächtig sein.“

Über diese Gegebenheiten haben sie noch nie gesprochen, ist jetzt aber unumgänglich. Wieder betrachtet er sie eingehend. Er hat schon recht. Sie will nicht länger festsitzen, aber auch nicht, von seiner Anwesenheit abhängig sein. Er hat ohnehin genug anderes zu tun. Zudem zieht sie es vor, ihren ersten Abstieg allein zu machen. Da kann sie sich Zeit lassen ohne sich unter Druck zu fühlen, wie auch immer eingebildet das sein mag. Sie versichert ihm, daß sie sich strikt an seine Anweisungen halten würde; er müsse ihr nur genau sagen, worauf sie zu achten habe.

„Na gut“, meint er und fährt fort: „Der Abstieg hat drei Abschnitte entlang vernetzter Wurzel und losen Lianen. ich hab‘ Stränge so verbinden können, daß sie wie eine Art Strickleiter funktionieren Die erste findest du auf der rechten Seite der Höhle. Sie ist die längste von Dreien. Keine Angst! Nichts ist wirklich schwierig zu handhaben. Sie sind nicht unsicher, nur teilweise etwas lose. Wie du den Abstieg beginnst, zeig ich dir am besten. Laß uns das vielleicht noch heute, bevor wir schlafen gehen, tun. Die beiden anderen Leitern sind ziemlich gleich lang, aber kürzer als die erste. Es ist etwas umständlich, die Tritte zu finden, denn du kannst nicht sehen, wo die sind. Du mußt also vieles erfühlen. Das ist das eigentlich Schwierige. Doch ein paar Mal rauf und runter, damit hat’s sich. Freilich, das erste Mal……., es wär‘ mir lieber, ich wär‘ dabei. Na ja, ….“, er macht eine kleine Pause. Dann beginnt er zu lächeln, als sähe er etwas Erfreuliches. „Ich hab‘ dir bereits angekündigt, daß etwas Schönes auf dich wartet. Du wirst mir ganz sicher recht geben.“ Mehr will er nicht sagen, da hilft auch ihr Drängen nichts. „Nein, nein! Laß dich überraschen!“ Er schweigt, nur sein Lächeln vertieft sich.

So schön das klingt, ihr wird nun doch bang. Wie sicher ist sie, daß ihre Muskeln sie nicht in Stich lassen? ‚Ein Schritt nach dem andern‘, fällt ihr ein. ‚Eine Schlaufe nach der anderen‘. Zeit hat sie ja und Angst war noch nie ein guter Lehrer. Mit, oder ohne Rocky, ihre Angst muß sie schon selber überwinden.

„Wegen dabei sein wollen…. Kommt drauf an, wie lange du mich allein läßt,“ unterbricht sie plötzlich das Schweigen.

„Hm, ja, allerdings,“ meint er etwas überrascht. Er überlegt kurz, um dann fortzufahren: „Allein bist du ja nie wirklich. Ich bin in Hörweite, würde dein Rufen oder einen Schrei sicher hören. Ich hab nämlich einen Weg gefunden, der uns von hier wegbringen kann. Das heißt, es ist ein Schacht. Der Zugang zu ihm liegt zwar hinter dem Wasserfall, aber mein Gehör ist ziemlich gut. Ich muß die Kletterroute allerdings erst sichern, so gut und auch so schnell ich eben kann. Ohne Hilfe ist das natürlich mühsam. Nur, hier können wir nicht bleiben, denn die Regenzeit steht vor der Tür, so daß wir uns besser auf den Weg machen. Wenn wir uns also die Arbeit teilen könnten, wäre das enorm hilfreich. Der Schacht ist anfangs eng und geradezu senkrecht, aber er erweitert sich nach oben und wenn auch nach wie vor steil, so doch nicht mehr schnurgrade. Man kann sogar einen kleinen Fleck Himmel durch das Ast- und Blättergewirr darüber erspähen. Du wirst später schon sehen, was ich meine. Die riesigen Bäume, die hier überall wachsen, kennst du ja schon. Wir schauen von unserer Höhle aus ja direkt in die grüne Kammer ihres Blattwerks hinein. Der Schacht ist allerdings relativ lang und erfordert solides Klettern, zumindest bis zur Hälfte, wo er sich dann zu erweitern beginnt und den restlichen Aufstieg wahrscheinlich auch leichter machen wird. Ich kann nur hoffen, daß Ger und Oliver bald zurück sind.“

Das ist das erste Mal, daß er sich fast hoffnungsvoll äußert, was die beiden betrifft. Sie nickt nur, fragt aber nicht weiter. Es liegt auf der Hand, daß es nicht einfach sein wird, diesen Schacht hochzuklettern und dann erst recht im Dschungel vorwärts zu kommen, wenn alles wassergetränkt ist. Umso wichtiger ist also, daß sie hilft, so gut sie eben kann.

Sie ändert erneut ihre Tagesroutine und findet, daß der Tag nicht genug Stunden hat. Haushaltspflichten, vor allem das Zubereiten der Mahlzeiten, ist mit den zur Verfügung stehenden Utensilien gar nicht so einfach. Viele der Wurzeln, Knollen und Samen müssen geschält, zerstampft, oder zerkleinert werden. Das braucht seine Zeit, ebenso das Sortieren der Samen. Vieles legt sie zum Trocknen aus, um einen Vorrat für später zu haben, wenn sie sich wieder auf den Weg machen. Was auch immer Rocky mitbringt und ihr aufträgt zu tun, er erklärt ihr genau, wie und was zu machen, oder zu vermeiden ist. Trotz der Mühseligkeit, nur wenig „Werkzeug“ zu haben, vorwiegend aus Stein bestehend, nebst vereinzelten Sachen, die Rocky aus ihrer ohnehin notdürftigen Campingausrüstung retten konnte, sie gewöhnt sich schneller daran, als sie zu Beginn befürchtet hatte. Es ist nun geradezu ein Vorteil daß sie von Küchenangelegenheiten wenig verstand, denn nichts von modernen Gepflogenheiten ist hier gefragt. Sie lernt viel mehr was Anderes, Interessanteres, ja Nützlicheres kennen, vor allem aber, daß Einfachheit nichts mit Primitivität zu tun hat. Das Wesentliche ist dabei, daß es nichts gibt, das nicht zu schätzen wäre. Dazu zählt sie auch einen Topf, den sie glücklicherweise in Besitz haben. Er ist nicht zu groß, nicht zu klein, grad richtig für jegliche Kocherei. Er verdient fraglos einen Ehrenplatz. Das meiste der übrig gebliebenen Campingausrüstung hat natürlich Ger mitgenommen, als er zurück in den Berg ging. Er brauchte es mehr als sie. Ihnen fehlt es hier ohnehin an nichts, dank Rocky natürlich. Er beeindruckt Femina jeden Tag auf’s Neue. Durch ihn versteht sie nun, was es heißt, mit der Natur verwachsen zu sein. Er ist der wahre Sohn der Mutter Erde, die er offensichtlich liebt, respektiert und in Ehren hält. Wohin auch immer sie ihre Flucht geführt hat, Femina findet, daß sie in Hülle und Fülle lebt, sogar besser als je zuvor, meint sie. Alles aus ihrem alten Leben, verblaßt zur vagen Erinnerung, scheint voll unnötiger Dinge gewesen zu sein. Vielleicht war dieses alte Leben ohnehin nur ein Traum gewesen; vielleicht sogar nur ein Albtraum. Freilich, dagegen spricht Etliches. Und es gibt auch Etwas, das sie beschwert, das sie jedoch nicht benennen kann. Obwohl sie glaubt, sowieso schon alles im Bergesinneren zurückgelassen zu haben, dieses Etwas, dieses nicht erklärbare Schwere, ist unweigerlich vorhanden. Es verflüchtigt sich zwar immer schnell und meist bleibt nichts davon in ihren Gedanken, aber es kehrt auch immer wieder zurück. Wie dem auch sei, ob Traum oder Wirklichkeit, beide verschwimmen gewöhnlich ineinander und fließen gemeinsam fort in irgendwelche nebulosen Gefielde, in die sie nicht vorzudringen vermag, oder vielleicht auch nicht vordringen will. Sie empfindet es als befreiend; mehr braucht es nicht zu sein. So ist es auch mit allem anderen. Sie verspürt weder Sehnsucht, noch hat sie Bedürfnisse und weder Vergangenheit, noch Zukunft sind wichtig. Sie ist einfach glücklich, läßt ihre Gedanken wie einzelne Wolken über einen blauen Himmel ziehen, die immer spurlos irgendwohin verschwinden, so wie sie von irgendwoher erschienen sind.

Abends am Feuer besprechen sie vorwiegend Praktisches, oder es geht ums Vermitteln von Wissen, Rocky’s Wissen, um genau zu sein. Er regt ihre Neugierde, was ihn und seine Kultur betrifft, ungemein an. Allerdings hält sich das Reden in Grenzen. Sie beide genießen es nämlich, still am Feuer zu sitzen. Femina empfindet es wie die Eintrittskarte zu einem täglich stattfindenden Abendkonzert zu haben. Stille gibt es hier nämlich nie, im Gegensatz zum Berginneren, wo sie echte, ja nahezu vollkommene Stille erlebt hat. Dort konnte sie Stille nicht nur hören, also sinnlich wahrnehmen, sondern sie mit, nein, durch ihren Körper, spüren. Es war natürlich keine Totenstille, nur eine tiefe Stille, denn es gab sehr wohl Geräusche, jedoch so selten und so subtil, daß jedes, amplifiziert wurde, was dann ihr ganzer Körper wahrzunehmen vermochte. Hier draußen dagegen gibt es nur stille Momente, die ebenfalls subtil sind, aber kaum wahrgenommen werden können, weil zu viele Stimmen und Geräusche sie grad so schnell verschlucken, wie eine Schwalbe im Flug Mücken fängt. Die Welt hier draußen ist eine laute Welt. Indem Rock das abendliche Feuer nun auch immer am Höhlenausgang anlegt, nennt sie es ihren Logenplatz, der beste von allen für ihr Konzert. Sie genießt es ungemein im sanft wärmenden Schein des Feuers zu sitzen und den Tag ausklingen zu lassen.

Ihren Augen tut die Dunkelheit ohnehin gut. Sie sieht nun sogar im Dunkeln besser als sie das je zuvor konnte, und das ohne Schmerzen, wie es in zu grellem Tageslicht noch immer vorkommt. Abgesehen davon ist kein Abend wie der vorige, kein Abendkonzert ist dasselbe, aber immer findet es in festlicher Atmosphäre statt, unter intensiv leuchtenden Sternen, die manchmal durch das Blätterdach windgefegter Baumkronen blinken, als hätten sie sich verirrt. Vor allem aber durch das Geflitter und Gefunkel von Millionen von Glühwürmchen, die in Schwärmen durch die Nacht tanzen. Nur der Mond scheint ein wenig launenhaft zu sein. Sie hat ihn bis jetzt noch nie gesehen. Freilich, auch die Sonne hat sie noch nie wirklich gesehen. Beide verraten ihre Anwesenheit nur durch ihr Strahlen.

Femina’s Vorfreude beginnt bereits mit der Dämmerung, wenn das Getümmel des Tages abnimmt, das sie, trotz wiedergewonnener Kräfte, ermüdet. Für eine Weile wird es dann tatsächlich auch stiller. Femina empfindet es grad so, als höre sie der Welt beim Ausatmen zu. Vor dem nächsten Atemzug gibt es eine kleine Pause, die kurzfristig etwas Ruhe bringt, mehr jedenfalls, als das davor und danach möglich ist. Sie scheint dazu zu dienen, den Konzertsaal einer letzten Inspektion zu unterziehen, bevor man dem Publikum die Tore öffnet. Paradoxerweise, oder wahrscheinlich gerade deshalb, wirkt die Dämmerstunde auf Femina animierend. Es schürt nämlich ihre Erwartung und Freude auf die geheimnisvolle Welt der Nachtgeschöpfe, mit denen sie obendrein mehr gemeinsam zu haben scheint, als sie das je in Erwägung gezogen hat. Wie in den Höhlen nimmt sie nach wie vor alles nicht nur mit einem, sondern mit allen Sinnen wahr. Das heißt, sie hört und empfängt alles in Vibrationen und sie versteht nun auch, daß, genau genommen, alle Wahrnehmungen immer nur Vibrationen sind, auf die nicht nur sie, sondern alle Organismen reagieren; und alle, im Laufe fortschreitenden Wachstums, schon allein aus praktischen Gründen, bauen sich ein Wahrnehmungssystem auf, mit speziellen Sinnen, die als hoch effiziente Empfangsstationen dienen. Das ist höchst rationell, erklärt aber auch, warum sie sich abends müde fühlt, denn trotzdem sie dem lärmenden Geschehen des Tages nun weniger Aufmerksamkeit schenkt, als sie das aus der Stille des Berginneren kommend nicht verhindern konnte, alle diese Vibrationen, bewußt oder nicht, sind ja vorhanden und strömen kontinuierlich auf sie ein, so daß ihr Körper irgendwann gar nicht anders kann, als mit Ermüdung darauf zu reagieren. Die Dämmerung ist, so gesehen, eine ‚Verschnaufpause‘ und eine Phase der Umstellung im Verlauf täglicher Zyklen. Nur ist ihre derzeitige Neugierde auf die nächtliche Welt einfach zu groß, um dem Verlangen ihres Körpers nachzugeben. Er muß doch ein wenig länger auf seine Rast warten, als er sich das wünscht.

Die synchrone Arbeitsweise ihrer Sinne mit ihrem Intellekt wird ihr allerdings auch noch anderwärtig klar gemacht, nämlich durch ein Wort, das Hören und Sehen verbindet: Geräuschkulisse! Es läßt ihre Gedanken nicht mehr los. Wie wißbegierige Kinder begnügen sie sich nicht mit einer Antwort, sondern fragen munter weiter. Besser, sie gibt gleich nach. Hörbares und Kulissen sind in der Bühnenwelt zu Hause. Sie schaffen das Ambiente, die Atmosphäre. Sie sind auch nichts Permanentes, sondern immer austauschbar. Die Bühne der Natur macht genau dasselbe, nur sind es dort Klangbilder. Auch sie schaffen und bestimmen die Atmosphäre, sind nichts Permanentes, sondern austauschbar, aber nun im Sinne eines laufenden Geschehens, nicht als ein Akt der Willkür. Was dabei entsteht, ist immer ungewiß, denn es gibt keinen Künstler, der kontrolliert, oder überhaupt Kontrolle haben könnte. Alles bewegt sich, kontinuierlich und unberechenbar. Es ist ein interaktives Theater, wo nichts Routine ist, weder das Scharren der vielen Füße, oder das Schwingen und Flattern der vielen Flügel, noch das Rascheln und Raunen von Bäumen und Blättern. Auch nicht das Gezirpe, Gesumm, und Gequake der großen wie kleinen Gesellschaften, die sich miteinander unterhalten, egal wie nah, oder fern, sie einander sind. Dazwischen gibt es dann noch die einzelnen Stimmen, oder auch ein Rufen. Manches davon klingt sehnsüchtig, anderes klingt, als wären es Warnsignale. Der Höhepunkt sind natürlich die Sänger. Das gesprochene Wort scheint hier nicht zu existieren. Dafür gibt es die musikalische Sprache, wo jede Information, jedes Gespräch, jede Unterhaltung aus Tönen besteht, deren spezifisches Vibrieren die Stimmung schafft und Gefühle auslöst. Allerdings! Dasselbe gilt für Worte, also auch für die menschliche Sprache. Sie wundert sich, wie Tiere darauf reagieren. Femina selber empfindet manche Sprachen als wohlklingend und andere nicht. Es ist also ein subjektives Empfinden und das wird wohl bei Tieren nicht anders sein. Schade, daß sie deren Art zu kommunizieren nicht versteht. Ob, oder was, die kunstfertigen Sänger einander mitteilen, oder ob sie aus Freude echte Lieder singen, das wird sie wohl nie herausfinden. Sie glaubt allerdings, sie tun beides. Nur für Femina sind es eben Melodien, bezaubernd, erstaunlich, tief berührend, oder einfach etwas, das sie aufhorchen läßt. Aber daß Fragen und Antworten über den Äther fliegen, davon ist Femina überzeugt. Über welche Distanzen, das bleibt ihr natürlich ebenso verborgen. Wie so vieles andere mehr, weiß sie doch nicht einmal, ob, oder was, sonst noch so um sie vorgeht, weil es, zumindest im physiologischen Sinn, für sie nicht wahrnehmbar ist. Eines steht jedoch fest, die Welt präsentiert sich ihr in Klangbildern, harmonisch oder auch nicht, und auch nur gemäß ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Sie hält inne: Schluß mit all den unersättlichen Gedanken! Warum nicht einfach den Abend genießen, das ist doch der springende Punkt.

Wenn sie schlafen gehen, bringt Rocky die verbleibende Glut ins Höhleninnere, wo sie dann bis zum Morgen weiterglost, bevor er sie neu anschürt. Er, und jetzt auch sie, sorgen immer dafür, daß die Glut nicht ausgeht. Und wenn sie sich schließlich zur Ruhe legt, verfällt sie sogleich in ungestörten Schlaf, aus dem sie mit dem ersten Licht auf ihrer Haut erwacht. Nie erinnert sie sich an Träume, sollte sie überhaupt welche haben. Sie weiß nicht einmal, ob sie wirklich geschlafen hat. Vielleicht ist das Wachsein der Traum und die Zeit des Schlafes eine andere Wirklichkeit, oder wahre Realität, an die sie sich eben nicht erinnern kann. Ohne handfeste Beweise zu haben, vermag sie es nicht zu sagen. Gewiß ist, daß ihr Körper ruht, ja ruhen muß. Er bedarf der Regeneration; er folgt dem natürlichen Zyklus der stofflich greifbaren Materie aus der er gemacht ist. Sie ist schließlich ebenfalls ein Kind der Erde, also Materie, die natürlich auch ihr eigenes Bewußtsein hat. Das ist aber, trotzdem es zu ihr gehört, nicht alles, oder gar ihr Gesamtbewußtsein. Das hat sie als subjektives Erlebnis, und nachweislich, erfahren, indem sie ihren Körper hat schlafen gesehen, während sie durch ihren Wohnraum ging, um einen verlegten Gegenstand hervorzuholen, den sie verlegt hatte und danach an einem geistigen Problem arbeitete, das sie tagsüber ohne Erfolg beschäftigt hatte, aber nach einer Lösung verlangte. Beides konnte sie in diesem bizarren Wachzustand erledigen. Sie wußte, wo der Gegenstand war und durch ihre Arbeitsnotizen blätternd löste sich das Problem weiters nachdenken zu müssen. Sie fand diesen Zustand höchst amüsant, sah sogar ein wenig ihrem Körper beim Atmen zu. Da sie aber nichts weiter mehr zu tun hatte, überließ auch sie sich wieder während, so wie ihr Körper dem tiefen Schlaf. Das Erlebnis war natürlich tiefgründig und von enormer Tragweite. Ihr Geist war nämlich so wach gewesen, wie sie es sonst nur mit ihrem Körper im Wachzustand, kannte. Damit war ihr jedoch klar geworden, daß sie mehr als „nur“ Erdenstoff ist. Im Alltag freilich ist ihr Körper der Boss. Er sorgt für ihr Überleben und mit seiner Hilfe kann sie sich ihrer existentiellen Manifestation, im Sinne bewußten Seins und sinnlicher Wahrnehmung, auch tatsächlich erfreuen. Aber ihre immaterielle, geistige Natur hat eine andere Dimension. Integriert im Körper, und bewußt, wie unbewußt, zusammenarbeitend mit ihm, sie kann sich erst dann so richtig entfalten, wenn die Materie sich erschöpft und Zeit zum Regenerieren nimmt, oder, sie wissentlich freigibt, so daß ihr Geist frei fliegen kann. Ihr feinstoffliches Substrat, also der sogenannte Geist, lebt eben nach anderen Bedingungen und entfaltet sich nur bedingt, wenn die festen Strukturen der Materie ihren Zugriff nicht lockern, oder aufgeben wollen. Dankbar ist sie jedoch beiden, Körper wie Geist, denn beide dienen ihr bestens, was dieses Leben angeht. Ob, oder was ihr Geist tut, oder vorhat, das kann sie derzeit nicht sagen. Sie weiß nur, er ist im Wachsen. Seine Kapazität ist noch lange nicht erschöpft. Er muß allerdings seinen Weg durch unbekanntes Territorium finden.

Rocky ist immer vor ihr auf. Sie läßt ihn meist gehen bevor sie aufsteht. Doch heute will sie ihn die Leiter runterklettern sehen und er ist bereits gehbereit. Sie springt hoch, hat sogar den Drang ihm zu folgen, ist aber dann doch vernünftig genug, nur seinen Abstieg genau zu beobachten, anstatt kopflos ihrem Drang nachzugeben. Er soll ungehindert seine Arbeit tun und sie will erst mal was essen und erledigen, was nötig ist, bevor sie sich selber ans Klettern macht.

Sie bereitet immer einiges für die Mahlzeiten am nächsten Tag vor, speziell das Frühstück. Es besteht generell aus allerlei Samen, zermahlen und zerstampft. Mit frischem Kräutertee, den Rocky jeden Morgen auf dem neu geschürten Feuer brüht, können sie beide unabhängig voneinander ihr Frühstück so zu sich nehmen, wie es ihnen paßt, als Brei, oder zur Suppe aufgegossen, mit Beeren, oder Früchten vermischt. Inzwischen kennt sie die Mengen, die genug für sie beide sind. Damit können sie gleich nach dem Aufstehen, schnell und ohne viel Aufwand, was Warmes zu sich nehmen. Ob Brei oder Suppe, beides ist ungemein sättigend und schmackhaft obendrein. Die anderen Mahlzeiten sind leichter, enthalten mehr Kräuter und anderes Grünzeug oder Knollen, die Rocky jeden Tag mitbringt und die dann in ihrem Topf gekocht, geröstet, oder roh, mit oder ohne dem Samengemisch, gegessen werden. Es mangelt also nicht einmal an Vielfalt und weil eigentlich alles umgehend verarbeitet und verzehrt wird, gibt es kaum Mitesser, wie unersättliche Ameisen, oder anderes Getier.

Femina nimmt ihren Brei und läßt sich draußen vor der Höhle knapp am Felsrand nieder. Sie fühlt sich wesentlich zuversichtlicher, seit sie gesehen hat, wie Rocky den Abstieg macht. Noch herrscht Zwielicht. Feuchte Luft liegt wie ein dünner Schleier auf Ästen und Bäumen, in die sie gradewegs hineinschaut. Winzige Tropfen hängen von den Blättern. Gras und Gestein spiegeln naß.

‚Das ist eine glitschige Angelegenheit, wenn ich jetzt aufbreche‘, fährt es ihr durch den Kopf. Sie verschiebt ihren Abstieg auf später, wenn der Morgentau verschwunden ist. Während sie ißt, hört sie auf die morgendlichen Stimmen, die immer mehr und lauter werden. Blasse Schleierfahnen steigen aus der Tiefe hoch. Sie werden dichter und verwandeln sich vor ihren Augen zu Schwaden, bis sie ihr als Nebel den Ausblick nehmen. Die Welt wird plötzlich formlos. Selbst der Boden auf dem sie sitzt, verliert seine Konturen, so daß sie vermeint, sie würde schweben. Bald wird sie nicht mehr wissen, wo sie war. Aber auch das vergeht so schnell, wie es entsteht. Helles Licht breitet sich aus und durch die Blätter fallen schräg und blaß einige Sonnenstrahlen. Sie wärmen die Luft zunehmend auf. Trotzdem wird es ein wenig dauern, bis sie die Nässe aufgesaugt haben. Sie geht daher zurück in die Höhle, um ein paar Hausarbeiten zu erledigen.

Es ist Mittmorgen als sie mit dem Abstieg beginnt. Sie vermeidet den Blick nach unten und konzentriert sich auf das Notwendige. Hand- und Fußhalterungen zu finden ist tatsächlich kein Problem, außer daß sie Geduld braucht. Rocky hat großartige Arbeit geleistet. Sie kann allerdings nur hoffen, daß sich etwaiges Kleingetier, von ihr gestört, schnellsten davonmacht. Das Tasten fällt ihr jedoch leichter als visuell nach Halt zu suchen, denn das Blattgewirr spielt mit Licht und Schatten tatsächlich trickreiche Spiele. Sie muß schon aufpassen, um sich nicht zu vergreifen. Das ganze macht ihr aber auch Spaß. Erst recht die Vorstellung, daß sie bald wie ein Klettertier die Felswand rauf und runter klettern wird, als sei es das natürlichste auf der Welt. Dann wird sie ihre Aufmerksamkeit auch jenen Dingen widmen können, die sie jetzt leider vernachlässigen muß, nämlich den unsagbar prächtigen und wunderschönen Bündeln und Kaskaden von Blumen und Blüten, die über Felsnasen hängen, aus Spalten und Rillen der sonst glatten Felswand wachsen, oder sich um Lianen schlingen. Manche, exotisch duftend, haben zwischen den holzigen Strängen Fuß gefaßt, mit den eigenen Wurzeln darin verstrickt ganz ohne Erde. Vieles kann sie nur im begrenzten Blickwinkel registrieren und oberflächlich betrachten, oder ihr Geruchsinn verleitet sie zum Innehalten. Obwohl alles ihre Neugierde herausfordert, eilt sie doch weiter. Sie will erstmal nach unten, um dort auf weitere Entdeckungsreise zu gehen.

Endlich auf festem Grund, findet sie sich umgeben von dicken Baumstämmen. Einige haben eine rauhe Rinde, andere sind aalglatt, als hätten sie ihre grad verloren, ein paar andere sind mit Moos und Flechten bedeckt. Dazwischen sieht sie vereinzelte Farnbäume und Palmen aus dem dichten Untergewächs wachsen. Alles strebt nach oben, manches in Höhen, die sie nicht einmal abschätzen kann. Selbst von ihrer Höhle aus kann sie die Kronen der Baumriesen davor nicht wirklich sehen.

Sie folgt einem schmalen Pfad durch hüfthohe Farne, der auf eine Lichtung zuführt. Es ist, als ginge sie durch eine grüne Passage, an deren Ende es die Offenbarung gibt. Sie hört auch wieder alle Geräusche, die während ihres Abstiegs geradezu verstummt waren, jetzt aber umso eindringlicher auf sie einströmen. Das stete dumpfe Rollen, das sie im Gedärm des Berges nicht nur gehört, sondern auch gefühlt hatte, ist auch wieder da und weckt jene Erinnerungen in ihr, die sich offenbar tief in ihr Gedächtnis eingegraben haben, entstanden, noch bevor sie in jenen Zustand verfallen war, der nun als leerer Raum in ihrem Gedächtnis existierte. Sie spürt Luft und Erde grad so vibrieren, wie damals. Rocky vermutete natürlich, daß es irgendwo einen Wasserfall gab, aber es wurde nicht weiter darüber gesprochen, denn vermuten kann man alles Mögliche. Freilich, sie haben letzendes Wasser gefunden. Ihr war egal, ob Wasserfall oder nicht. Dass es überhaupt Wasser gab, um sie am Leben zu halten, das war ihr das Wichtigste. Nun ist sie aber doch sehr neugierig, schon allein deshalb, weil es neben diesem Grollen auch noch ein Rauschen gibt, das mit einem heiteren Gegurgel und Geplätscher einhergeht, und Rocky immer wieder angedeutet hat, daß sie sich auf was speziell Schönes freuen könne.

Sie beschleunigt ihren Schritt, nur um gleich an seine Warnung erinnert zu werden, besser auf den Boden zu achten. Ihr Fuß verfängt sich nämlich und sie landet mit ausgestreckten Armen und Beinen in feuchtem Blattgewirr unter Farnwedeln. Es ist zwar eine weiche Landung, aber sie schnellt gleich wieder hoch, denn Rocky hatte sie ja vor der giftigen Bevölkerung gewarnt, die sich nun wahrscheinlich aus Schreck über die plötzliche Störung, zum Angriff rüstet. Sie kehrt also doch lieber zurück zum bedächtigen Schritt für Schritt und, Augen auf den Boden.

Es ist ohnehin nur ein kurzer Weg und schon steht sie am Rande der Lichtung. Von der ihr gegenüberliegenden hochragenden Felswand ergießt sich aus mindestens 20m Höhe, über eine uneinsehbare Felslippe, ein spektakulärer Wasserfall. Sein Wasser landet in einem relativ großen, nahezu runden Becken, stirnseitig von einer glatten schwarz glänzenden Felswand eingesäumt, mit einigen wenigen Überhängen, von denen ebenfalls Wasser sprüht. An den anschließenden Seiten liegen und türmen sich unterschiedlich große, dicke und dünne Felsplatten, die in runde Rücken übergehen und wieder abflachen, bis sie an beiden Seiten einer relativ weiten Öffnung enden, aus der das Wasser in mehreren kleinen Kaskaden in ein zweites, tiefer liegendes kleineres Becken fließt, aus dem dann gurgelnd ein kleiner Bach über kieseliges Gestein läuft, der aber rasch zwischen Pflanzen und niedrigem Gebüsch verschwindet, so daß sie seinem weiteren Verlauf nicht folgen kann. Sie kann aber auch sein Geplätscher nicht lange hören. Wohl kommt aus der Tiefe ein dumpfes Grollen. Es legt nahe, daß es noch einen anderen Wasserfall gibt, der im Berginneren Wasser sammelt, und dann mächtig geworden, in die Tiefe donnert, was das dumpfe Grollen und Vibrieren erst wirklich erklären könnte. Aber rundum, wohin sie auch blickt, sieht sie Felswände. Da ist kein Tal, auch keine Schlucht. Sie sind, wie Rocky gesagt hat, in einem Senkloch, zwar größer als man damit gewöhnlicherweise assoziiert, doch von hohen Felswänden umgeben, nahtlos und unbegehbar, wie es einem Senkloch entspricht. Das kann nur durch Wasser entstanden sein und das vor ewig langer Zeit. Sie ist auch sicher, daß dieses Loch samt seiner Lichtung nicht von oben gesehen werden kann, auch nicht, würde man über die Berge fliegen. Es war ursprünglich sicher eine große Höhle gewesen, deren weicheres Gestein vom Wasser so lange ausgenagt worden war, bis schließlich alles einbrach und nur das Felsskelett übrigblieb. Das Geröll wurde dann langsam, aber stetig, klein gerieben und weggespült, ein Prozess ohne Ende, der auch jetzt noch stattfindet, hier, sowie in anderen Bereichen dieser Berge, das nimmt sie jedenfalls an. Der nächste Schritt, nämlich der der Vegetation, begann dann alles Nackte zu bekleiden und alle Leere auszufüllen.

Femina kann sich nicht sattsehen an der Idylle. Die Lichtung ist groß genug für ein paar Palmen, kleinere Bäume und allerlei Gebüsch. Die Äste sind voller Beeren, Früchte und Blüten, wo große und kleine Schmetterlinge, Bienen und allerlei Insekten reichlich Nahrung finden. Und natürlich sind da auch unzählige Vögel, jeglicher Größe und buntester Art. Auch die essen sich satt, versammeln sich in kleineren Gruppen, rundum und hoch oben in den zahlreichen Baumkronen. Ansässige, so wie Besucher, die vielleicht sogar wie nach einem festen Stundenplan in Scharen kommen, sie sorgen für reichlich Getriebe, weil für alle der Tisch gedeckt ist. Stille gibt es da wahrlich nicht. Es ist eher wie ein Schulhof voller Kinder in der Mittagspause.

Sie springt über runden Kiesel, und klettert über Steine und Steinrücken hinauf zum ersten Becken, entledigt sich ihrer ohnehin spärlichen Kleidung an einer leicht zugänglichen Stelle, um in die grünen Fluten zu tauchen. Das Wasser ist kalt, aber weich wie Seide. Was für ein Freudentag, was für eine Wonne, was für ein Tag der Erneuerung! Nicht nur ihre Haut jubelt. Sie jubelt, mit jeder Zelle, auf jeder Ebene und in jeder Dimension. Sie erfreut sich auch am Grün des Wassers, dessen Intensität zur Mitte hin wechselt, was nur bedeuten kann, daß es dort am tiefsten ist. Das bestätigt sich auch, als sie darauf zuschwimmt, denn zuerst kann sie den Boden klar ausmachen, doch weiterhin, sich der Mitte nähernd, verschwindet der Grund unter ihr. Sie schwimmt auf den Wasserfall zu, der das ruhige Gewässer in Wellen schlägt, die aber nicht von übermäßiger, oder gefährlicher Stärke sind, so daß man besser Distanz wahrt, oder den Wassereinfall überhaupt vermeidet. Es bestätigt natürlich, daß es nicht dieser Wasserfall sein kann, der den Berg nicht ruhen läßt. Wahrscheinlich befinden sie sich in einem Bereich der Bergkette, das ein wasserreiches Höhlensystem birgt, oder sogar eines ist, und sie stehen zumindest am Rand eines solchen. Möglicherweise gibt es noch andere Senklöcher und ihres ist vielleicht nur eines von vielen, wenn auch ein altes, denn wer weiß, wie lange es gebraucht hat, diese idyllische Welt zu erschaffen. Sicher, Rocky mag mehr wissen, und sie wird ihn natürlich fragen, aber sicher ist auch, daß eine Flucht im Inneren der Berge ihr Ende gefunden hat. Sie sind auf eine Barriere gestoßen, mit deutlicher Warnung, ihren weiteren Weg nicht mehr dort zu suchen. Offensichtlich hat Rocky das längst erkannt. Wie dem auch sei, sie widmet sich jetzt doch lieber dem Vergnügen, sich im Wasser zu aalen und das Paradies zu genießen. Nur Narren würden es nicht tun, verstehen sie doch nichts von Dingen wie Vollkommenheit, Einmaligkeit, oder gar, warum es keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit gibt, sondern alles immer nur Möglichkeiten sind, die jedoch jedem eine Gelegenheit zur Verfügung stellen, die er nutzen kann, oder auch nicht. Sie jedenfalls weiß genau, wie sie ihre nutzen will.

Sie schwimmt, taucht, schlägt vergnügt Purzelbäume, prustet und sprüht Wasserfontänen. Sie erzeugt mehr Wellen, als der Wasserfall das schafft, so daß die Libellen eiligst hin und her schwirren, um mehr über das neue Spiel herauszufinden. Die Sonne wirft sogar Gold- und Silbermünzen durch das löchrige Dach hoch über ihnen, sparsam zwar, doch sorgt es für ein kurzlebiges Funkeln und der Wasserfall leuchtet auf. Er hat aber sonst keinen Regenbogen.

Als Finger und Haut schrumpelig werden, verläßt sie das Wasser. Die Luft ist warm und so sind die runden Rücken der Steine. Sie setzt sich neben ihre Sachen und wartet geduldig bis sie abtrocknet, bevor sie sich anzieht. Sie bleibt aber auch dann still vor sich hinlächelnd und geradezu bewegungslos sitzen, um sich weiter aufzuwärmen. Sie tut es den kleinen Echsen gleich, die sich auf dem Gestein rund um sie einfinden. Ein Gefühl der Einheit mit allem durchströmt sie. Sie spürt Leben in allem, selbst im Stein, auf dem sie sitzt. Sie spricht auch mit allem, ohne Worte zu sagen und alles spricht zu ihr. Sie hört Musik, Klänge, die über allen Lauten schweben. Alles verschmilzt zu einem einzigen Gefühl der Liebe, reine Liebe, nichts als Liebe, Liebe, aus der alles entsteht, alles wächst, alles ist. Sie ist die Urkraft, sie ist Genesis, sie selbst ist das Leben, das sich entfalten kann.

Einer der großen bunten Schmetterlinge flattert auf sie zu und läßt sich auf ihrem Kopf nieder. Sie spürt seine Fühler auf ihrer Stirn und lacht, denn sie versteht, er will sie kennenlernen und wissen, ob sie genießbar ist. Ein großer grüner Papagei setzt sich neben sie, käkelt sie neugierig an während er sie beäugt und dann an ihrem T-Shirt zupft. Er ist offensichtlich erstaunt, welch komische Federn sie hat. Er käkelt noch mehr in Gelächter und schon kommen andere seinesgleichen angeflogen, wahrscheinlich um herauszufinden, was ihn so amüsiert.

Sie weiß nicht, wie lange sie so dagesessen hat, als sie Rocky von der linken Seite des Wasserfalles, nicht all zu weit von ihr, hervortreten sieht. Gewandt, ja geschmeidig und lautlos wie eine große Katze, bewegt er sich über die Felsrücken auf sie zu, verschwindet kurz, nahe einer Stelle über ihr, in die sie nicht einsehen kann, nur um dann seinen nackten braunen Körper wie einen Pfeil kopfüber ins Wasser tauchen zu sehen. Prustend und sprudelnd, grad so wie sie zuvor, kommt er hoch, und taucht immer wieder unter. Er winkt ihr fröhlich zu. Nach einer Weile schwimmt er ans Ufer und verschwindet hinter den riesigen Steinen. Ihr fällt die Geschichte von Adam und Eva ein. Zu dumm, daß die beiden Wonne erst dann verstehen konnten, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden sind. Es wäre ihnen viel erspart geblieben. Andererseits, ohne das Gegenteil zu kennen, gibt es das Wertschätzen nicht.

Rocky läßt sich an ihrer Seite nieder. „Hab ich dir zu viel versprochen?“ fragt er nach einer Weile.

Sie sieht ihn erstaunt an. „Nein,“ sagt sie dann mit einem breiten Lächeln: „Es ist noch viel schöner, als du es je mit Worten hättest beschreiben können.“

Er nickt und schweigt wieder.

„Müssen wir wirklich weg von hier?“ fragt sie schließlich. „Ich will nicht mehr zurück in eine Welt, die mir so fremd geworden ist, wie sich Tag und Nacht fremd sind. „Du hast mir doch schon so vieles beigebracht. Glaubst du nicht, ich könnte auch allein hier überleben, falls du lieber gehen möchtest? Ger und Oliver sind auch noch nicht zurückgekommen. Glaubst du nicht, ich könnte sogar eine große Hilfe sein? Ich bin glücklich hier. Selbst die Möglichkeit eines frühen Todes schreckt mich nicht ab. Die Natur ist um mich, in mir, ich bin eins mit ihr. Das kann ich nur hier finden, nirgendwo sonst. Hier bin ich glücklich. Weder will ich, noch brauch ich mehr. Kein Mensch will mehr als glücklich sein. Es ist doch geradezu unmöglich da draußen in dieser anderen Welt überhaupt zu erkennen, was glücklich sein eigentlich heißt. Hier ist es so leicht zu verstehen, denn man hat das Glück in sich. Hier man muß man dem Glück nicht nachjagen. Hier ist es einfach eine Selbstverständlichkeit.“

„Ach Femina,“ sagt er, nimmt ihre Hand, tätschelt sie liebevoll. Als sie sich ihm zuwendet, schaut er sie sinnend an und fährt fort: „Du fürchtest den Tod nicht mehr, hast dich doch grad erst aus seiner Umarmung befreit. Doch nun fürchtest du die Welt, mehr als dir gut tut. Nun hast du Angst, dich in ihrem Netz zu verfangen und befürchtest, du könntest dem nicht entrinnen.“ Er läßt sie wieder los, wendet sich schweigend dem Wasser zu. Sie tut desgleichen.

Eigenartig wie tiefgrün das Wasser plötzlich ist, wie wenig Sonnenlichter durch das Laubdach fallen, wie laut der Wasserfall spricht und wie viele Stimmen zu schweigen beginnen. Das Wort Angst hallt in ihrem Kopf wie ein Echo, das von einer knöchernen Wand zur anderen geschickt wird, aber irritiert die Ruhe sucht. ‚Angst?‘ Da hat er recht. ‚Vorm Leben?‘ Damit allerdings nicht. Obwohl ihre Gedanken sich im Hin und Her nicht wohl fühlen, letzendes versteht sie doch, was er gesagt hat. Auch wenn sie kein Bedürfnis nach der Welt da draußen hat, ein Leben von Angst gesteuert, macht Glück flüchtig und abhängig von Umständen. Was glücklich macht, bestimmen dann Äußerlichkeiten. Selbst das Paradies hier ist dann nicht mehr als ein idyllischer Zufluchtsort, also ein beglückender Umstand, der sich aber, wie alle Umstände, verändert, ja verändern muß. Das ist dann kein glückliches Leben, sondern nur eine Illusion desselben. Sie seufzt.

Was für ein lächerliches, ja geradezu grausames Spiel die Angst mit ihr spielen möchte! Sie will sie aufhalten, irreführen, will Stillstand statt Aktion. Sie gaukelt ihr tatsächlich vor, nur im Stillstehen ein glückliches Leben haben zu können. Was aber möglich ist, sein kann und sein wird, geschieht so oder so, also mit, oder ohne Angst. Die ist zwar als Instrument wichtig, wenn es nämlich ums unmittelbare Überleben geht, aber als Wahrsager ist sie völlig untauglich.

Allerdings gibt es sehr wohl einen Grund, wo ihre Angst angebracht ist. Wilson ist eine ernste Gefahr. Auch wenn er vielleicht glaubt, sie seien tot, seine Spitzel sind überall, denn er, als der eigentliche Beherrscher und Machthaber dieser Gegend, kontrolliert alles, Land und Leute. Sie hält inne. Nein, nein, sie will kein neues Gedankenkarussel! Wilson ist eine Gefahr, gar keine Frage, aber das ist kein Grund, sich schon jetzt in Möglichkeiten zu verlieren, die garnicht eintreten müssen. Punkt um und basta!

Ihre Gedanken lassen sie trotzdem nicht in Ruhe, was nur bedeuten kann, daß noch immer etwas in ihr nach Klarheit sucht. Ist es vielleicht eine Schuldfrage, nämlich, warum sie sich überhaupt in dieser Situation befindet? Nicht doch! Sich vom Leben treiben lassen, keine Wurzeln mehr schlagen, das hat sie gewollt, und daß sie hier gelandet ist, ist doch ein gutes Resultat, nein, mehr als das, denn hier ist sie ja tatsächlich glücklich. Ah, Wurzel schlagen! Ist das der wunde Punkt? Allerdings; das ist schließlich auch ein Stillstehen, nur aus einem anderen Grund wie Angst haben. Warum aber sollte sie zurück in ein Leben wollen, in dem es mehr Häßliches wie Schönes gibt, mehr Zwietracht wie Liebe und wo Dummheit Einsicht ersetzt? Da ist das Angsthaben vor der Welt draußen doch nur logisch, und das Hierbleiben und Wurzel schlagen einfach die beste Lösung. Ach was! Angst haben, Wurzel schlagen, eins ist wie das andere. Vielmehr geht es ums LOSLASSEN KÖNNEN. Das ist der wunde Punkt!

Eine Welle der Energie steigt plötzlich in ihr hoch. Sie vermag nicht zu sagen, ob es aus dem Boden, dem Stein, auf dem sie sitzt, kommt, oder von ihr selbst; es ist einfach da und drängt mit einer ungemeinen Stärke ihre Wirbelsäule hoch. Sie richtet sich auf, ihr Rücken grade wie eine Kerze. Sie greift nach Rocky’s Hand und drückt sie. Beide lachen schallend auf. „Komm,“ sagt er, „sammeln wir noch ein, was wir brauchen, bevor wir es uns daheim gemütlich machen.“ Sie hat keine Fragen mehr. Mit jedem Atemzug, in jedem Augenblick lebt sie, ohne einem Zuvor, oder einem Danach. Es ist! Und das ist mehr als genug.

Er zeigt ihr, wie man aus Farnen und Palmenfonds eine Tragtasche macht. Die relativ weichen, aber starken Stängel werden zu einem langen Henkelband verflochten, das man sich über die Stirn stülpt und das dann über den Hinterkopf nach unten verläuft, wo der Bauch der Tasche auf dem Rücken frei beweglich hängen kann. Damit hat man seine Hände immer zur Verfügung, für was auch immer man sie braucht; wie in ihrem Falle nicht nur zum Sammeln von Früchten, sondern auch mit voller Tasche rauf zur Höhle klettern zu können. Sie ist natürlich weniger geschickt als er, so daß er ihr den Rest der Arbeit abnimmt, als er mit der seinen fertig ist. Das Ganze ist einfach und praktisch, denn trotzdem die Größe der Taschen bescheidenen erscheint, ihre Bäuche dehnen sich, so daß man viel mehr damit transportieren kann, als man glaubt.

Femina sammelt Früchte, Beeren und Samenkerne, natürlich unter Rocky’s Anweisung, wie es sich eben für einen Lehrling gehört. Manches ist so unscheinbar, daß sie nie auf den Gedanken kommen würde, es könnte auch für sie wertvolle Nahrung sein, nicht nur für Vögel, oder anderes Getier. Manche der schrumpeligen Körner sind nußartige Leckerbissen. Das gleiche gilt auch für die Früchte. Einige sehen verlockend aus, andere riechen einladend, aber nicht alle halten, was sie versprechen. Die Unscheinbaren schmecken hingegen oft sensationell. Aber würde sie sie ohne Kenntnis zu essen wagen? „Was der Bauer nicht kennt, ißt er nicht,“ hat ihre Großmutter immer gesagt und weigerte sich des öfteren, zu essen, was man ihr aus der Stadt mitbrachte. Freilich ändert sich das schnell, sollte man am Verdursten und Verhungern sein. Wenn das Ultimatum Tod oder Leben heißt, setzt der Verstand aus. Da fragt man nicht mehr, sondern verschlingt, ansehnlich oder nicht. Sie kann sich lebhaft an eine Situation erinnern, wo sie vor Durst alles getrunken hätte. Dabei war sie noch nicht einmal am Verdursten gewesen! Ein Strauß Lychees hat sie damals vor einem fatalen Fehler bewahrt. Ihre Flucht durch den Berg war diesbezüglich viel dramatischer gewesen, doch ihr Gedächtnis ist gnädig; es fehlt ihr diesbezüglich jede Erinnerung.

Während Rocky auf Brennstoffsuche geht, beginnt sie nach eßbaren Knollen zu graben. Das scheint auch Gedanken freizusetzen. Sie fragt sich, ob, oder welches Kraut ihre Genesung so schnell ermöglicht hat, kommt aber zum Schluß, daß es wahrscheinlich insgesamt der unverdorbenen Nahrung zu verdanken ist, die sie hier zu sich nehmen kann. Sie ist das sprichwörtliche Elixier, das sie stärkt, nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch. Eigentlich trägt alles dazu bei, das neue Wissen, mit dem sie gefüttert wird, Pflanzen, die sie mit gesunden Nährstoffen versorgen, und auch die Abgeschiedenheit von der großen weiten Welt. Sogar die Stille, ja die völlige Auflösung der gewohnten Realitäten im Berginneren ist daran beteiligt, als Voraussetzung für ihre wundersame Auferstehung. Tatsächlich war und ist alles Erlebte eine Bereicherung, aber erst ist in diesem Senkloch, unberührt, sich selbst überlassen, spürt sie die machtvollen Kräfte der Erde durch ihren Körper laufen, wie sie das noch nie zuvor erlebt hat. Sie ermöglichen ihr Grenzen zu überschreiten, die sie bisher als existentielle Barrieren fraglos hingenommen und für unüberschreitbar gehalten hat, die aber nun flexibel und passierbar geworden sind. Sie geht über Schwellen, die als Tabu dienten, selbsterrichtet, aber auch indoktriniert und die damit das erdgebundene Leben an seine Realität ketteten und dessen Dominanz als naturbedingt erscheinen ließen, so daß es sie abhielt, durch das stets offene Tor in den Raum der ‚Immateriellen Existenz‘ zu treten, ohne Zweifel, oder Angst zu haben, dabei etwas zu verlieren, Schaden zu erleiden oder gar, das Falsche zu tun. Es ist ein Schritt in jene Freiheit, die durch Ignoranz verborgen bleibt, weil diese vorgaukelt, ihr geistiges Wesen würde ohne Verbindung parallel zur festen Materie verlaufen, obwohl sie Hand in Hand miteinander gehen. Für den Verstand ist es paradox, denn er sieht den Schritt zur Seite machen als sinnlos an. Er sieht ‚Ausweiten‘ nicht als FORT-schritt, er denkt linear; er schreitet FOR-wärts. Laterales Denken ist für ihn schlichtweg eine Aberration, die ihn von seinem Weg abbringt. Der Verstand wehrt sich daher. Es fällt ihm obendrein schwer, zu akzeptieren, daß er nur für einen Teil ihres Wesens zuständig ist, nämlich für das Materielle, also was greifbar und damit „wirklich“ ist. Aber, was er als Realität empfindet ist beschränkt, und streng genommen, eine Illusion, die er selber mitaufgebaut hat und nach der er sich nun richtet. Der Verstand muß und wird immer ablehnen, was er, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht ‚begreifen‘ kann. Ihr armer Verstand hat also ein Dilemma: Er versteht sich als Herrscher, ist es aber nicht. Dazu kommt, daß neben ihm der Wille wandert, der Gefährte aus der ‚freien Welt‘. Sie sind nicht dasselbe, noch haben sie dieselben Aufgaben, oder Ziele. Der Verstand sieht Willen als Störenfried, der sich nicht an jene Regeln hält, die er ihm vorschreibt. Sie gehen daher nicht immer Hand in Hand, sondern gehen nebeneinander und liegen sich dabei in den Haaren. Es geht aber um Co-Existenz. Sie müssen nämlich miteinander leben.

Femina inspiziert die Knolle, die sie grad ausgegraben hat. Sie ist groß, prall und fühlt sich gesund an. Lächelnd legt sie sie zur Seite und beginnt nach der nächsten zu graben.

‚Die größte Produktivität kommt also durch Zusammenarbeit,‘ überlegt sie weiter. Das bestätigt sich schon in ihrer Grabarbeit, denn würden Arme und Hände, Verstand und Wille, ja der ganze Körper nicht zusammenarbeiten, gäbe es für ihr heutiges Abendessen nur wenig zu essen, wenn überhaupt eine Mahlzeit. Das kann man natürlich physiologische Bedingung nennen, doch psychologisch gesehen ist es eine friedliche Co-operation. Folglich läßt sich sagen, nur der Friede ermöglicht progredientes Leben, da es sich produktiv entfalten kann. Sie lächelt in sich hinein. Ihre Gedanken amüsieren sie. Mal sehen, was sie noch so auf Lager haben. Ah, Arbeitsteilung! Sie funktioniert natürlich auch am besten, wenn sie im friedlichen Sinne erfolgt. Das sieht man im Rahmen jeder Beziehung, auch beim Verstand und Willen. Tatsache ist, daß der Verstand sich der Wirklichkeit annehmen muß, während der Wille die Aufgabe hat, auf Suche zu gehen. Das heißt, der eine bestellt die Felder, während der andere neue sucht, zum selben Zweck, oder für was Innovatives. Streit behindert sie in ihrer Arbeit, macht sie nicht nur unproduktiv, sondern auch noch verärgert. Es wäre also effektiver, wenn sie Vernunft walten ließen. Freilich! Das erfordert Selbstdisziplin, oder besser noch, und bevorzugterweise, Eigenkontrolle. Nur sind die kein Geburtstagsgeschenk, sie erfordern erst recht Arbeit. Zugegeben, Disziplin, Einsicht und sich selbst gegenüber ehrlich sein, ist extrem harte Arbeit, lohnt sich aber immer. Und wenn es um Arbeitsteilung und um Kompromisse schließen geht, das Zurück zum Verhandlungstisch ist besser, als in den Krieg zu ziehen! Dort verliert man nämlich oft mehr als nur Arm und Bein.

Aber was hat es mit der Kontrolle auf sich? Immer und überall kommt sie ins Spiel. Man diskutiert sie, man fordert sie, man strebt nach ihr, man bewertet sie, entweder als etwas Gutes oder Schlechtes. Einig ist man sich jedoch nur darüber: Ohne Kontrolle geht garnichts.

Sie hört Rocky rufen. Er meint, sie sollten sich langsam auf den Weg machen. Sie ruft zurück, daß sie nur noch diese Knolle fertig ausgraben wolle, um dann am Bach alles sauber zu waschen. „Okay,“ kommt es zurück. „Kein Problem! Will nur sagen, wir haben sicher mehr als genug eingesammelt.“

Femina überlegt kurz, ob es sich lohnt, auch diese letzte Knolle noch auszugraben. Sie hat tatsächlich genug und die ist obendrein noch eine recht große. Da sie aber bereits halb freiliegt, entschließt sie sich doch für‘s Ausgraben. Sie versucht auch, ihren Gedankenstrom wieder aufzunehmen, aber das gelingt ihr nicht mehr so recht. Der Strom ist nun eher ein unruhiger Bach. Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, Kontrolle! Oder Wille? Wie auch immer! Vielleicht ging alles nur um Zwiespalt und ums Recht haben, weil sich der Verstand einbildet, ihm gehöre die Kontrolle, während der Wille sich einbildet, er brauche keine. Dabei hat keiner unbedingt recht, noch liegen beide unbedingt falsch; der Verstand soll ja Grenzen setzen und der Wille Grenzen in Frage stellen. Aber genau darin liegt des Pudels Kern, keiner soll sich über den anderen, oder alles und jedem hinwegsetzen. Vor allem läßt sich der Wille gern zum Glauben verleiten, er sei (all)mächtig. Er ist nämlich prinzipiell ein fordernder Geselle. Der Verstand hat daher durchaus recht, ihm Schranken zu setzen, was diesen wiederum dazu verleitet, sich als den (all)mächtigen Richter zu sehen.

Femina schüttelt die Erde von der ausgegrabenen Erdfrucht. PH! Sie schüttelt anscheinend auch einige Illusionen aus ihren Gedanken. Die schmiegen sich nämlich gern an und fließen dann unbemerkt mit im Strom. Illusionen! Es ist wirklich leicht auf sie reinzufallen, weil sie solch unauffällige Reisebegleiter sind.

Sie inspiziert die Knolle. Die ist was Spezielles. Sie ist nahezu perfekt gerundet mit einer feinen glatten Schale. Da ist kein Wurm drin. Illusionen sind auch glatt und glänzen schön, aber die Haut ist porös und der Wurm ist immer drin. Es ist einfach notwendig, sich dieser gedanklichen Parasiten zu entledigen. Sie gaukeln Klarheit vor, schaffen aber nur Chaos, und das nicht nur für den Einzeln, sondern, so paradox es auch scheint, für ganze Gesellschaften. Verstand und Willen sind wie zwei Hunde an einer Leine, die den Besitzer spazieren führen, und einmal dahin, dann wieder dorthin ziehen. Der Leinenführer glaubt nur, die Kontrolle zu haben, weil er die Illusion als Tatsache verkennt. Illusionen verzerren also die Wirklichkeit. Damit läßt sich die Wahrheit verleugnen; und damit geben sie dem Zwiespalt freien Lauf. Das ist fatal, denn es macht den Frieden zur Fata Morgana.

Sie wischt das Prunkstück von Knolle sauber, soweit sie das mit ihren erdigen Händen überhaupt kann, wischt sogar wesentlich länger, als es wirklich nützlich ist. Sie scheint mit ihren Gedanken an einem Punkt hängen geblieben zu sein, der sie festhält und ihr wichtig ist: Frieden! Obwohl der für jeden und alles wichtig ist, scheint es damit nie zu klappen. Irgendwo auf der Welt gibt es immer Krieg. Die Ursache dafür liegt natürlich auf der Hand, sichtbar für alle, will man nur wirklich hinschauen. Es ist der Zwiespalt, der den Boden verseucht, auf dem der Krieg zu Hause ist und wachsen kann. Es beginnt aber bereits bei sich selber. Wer kennt das nicht, mit sich selber im Streit zu liegen? Und weil Jede Gesellschaft aus einzelnen Menschen besteht, kann keine Gesellschaft friedlich sein, wenn schon der Einzelne unfähig ist, mit sich selber Frieden zu schließen! Dazu kommt noch: In Frieden leben heißt nicht, unter, sondern in Kontrolle sein. Es heißt Eigenverantwortung und Selbstkontrolle haben, nur dann kann man in Frieden leben, mit sich und als Gesellschaft. Grundsätzlich ist in Frieden leben wollen eine ganz natürliche Angelegenheit, da alles und jedes, sowohl im Kosmos, wie in der Zelle, nach Ausgleich und Gleichgewicht strebt, also den Zustand der Ruhe sucht, in dem der Energieverbrauch am geringsten ist. Das Wort Friede ist das geistige Synonym für Gleichgewicht, vom Menschen sprachlich definiert, differenziert, aber inhaltlich nicht verstanden. Nun! Das Streben nach Frieden, sprich Gleichgewicht, ist auch für das organisches Leben unumgänglich. Organisches Leben ist schließlich kein Fertigprodukt, sondern eine Entwicklungsreise. Das Fundament dafür ist die Homöostase, die, im erweiterten Sinn, der physiologische Ausdruck desselben kosmischen Prinzips des Gleichgewichts ist. Jeder Physiker wird bestätigen, daß der Kosmos immer den Zustand des geringsten Energieverbrauchs sucht, und jeder Mediziner weiß, daß seine Patienten nur überleben können, wenn das dynamische Gleichgewicht, (Homöostase) sichergestellt ist.

Sie hört auf, die Knolle zu reinigen und lacht. Reiner wird die Knolle nicht werden, egal wie lange sie weiterreibt. Aber auch ihre Gedanken sind dabei blitzblank geworden. Dankbarkeit durchflutet sie. Die Dominanz bindender Strukturen ist zu Ende. Ihr Körper ist nicht mehr Herr, sondern Gefährte. Sie fühlt sich frei, wie nie zuvor. Sie hat keine Wünsche, kann ihre Seele baumeln lassen, und dem Körper die Euphorie seiner Existenz gönnen, alles im Bewußtsein, daß es sich immer nur um Zustände und Umstände handelt, wie das existentiell eben zwangsläufig ist. Sie hat ihren Frieden gefunden. Vielleicht nicht für immer, doch derzeit voll und ganz.

Sie sammelt die Knollen auf und eilt zum Bach, wo sie alles säuberlich wäscht. Jetzt erst glänzt die große Knolle richtig schön in ihrer tief weinroten glatten Schale. Rocky bestätigt, daß es eine besondere Erdfrucht ist, keine gewöhnliche Knolle und nicht leicht zu finden. Unter seinen Leuten ist sie hochgeschätzt. Sie wird nicht nur frisch gegessen, sondern auch konserviert, für besondere Anlässe bereit gehalten. Er lacht und freut sich jetzt schon auf das Essen.

Sie klettern hoch. Halben Weges hält er inne und lauscht. Er signalisiert ihr, dasselbe zu tun, denn etwas sei anders. Er ist nicht sicher, ob es von ihrer Höhle kommt oder von etwas in deren Nähe. Sie soll jedenfalls auf der nächsten Felslippe halt machen und auf sein Zeichen warten, bevor sie weiter klettere. Er will erst herausfinden, was vor sich geht. Sie klettern nun mit besonderer Sorgfalt weiter. Das gilt mehr für sie als Rocky, denn er bewegt sich ohnehin wie eine Katze.

Während sie sich auf dem schmalen Grasstreifen niederläßt und wartet, klettert er weiter. Angespannt horcht sie auf etwaige fremde Geräusche, vernimmt aber nicht mehr, als die üblichen Laute und jene kaum hörbaren, die Rocky verursacht. Bald hört sie auch die nicht mehr. Kurz darauf ruft er sie auch schon, doch mit einem Ton in der Stimme, der sie höchst neugierig macht. So schnell sie kann folgt sie ihm nach. Noch halben Weges, hört sie eine andere Stimme, schwach, aber eindeutig: GER! Ger ist zurück! Eine Flut gemischter Gefühle bemächtigt sich ihrer. GER IST ZURÜCK! Mit Oliver? Was ist mit Oliver?

Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften eilt sie weiter. Was auch immer sie oben erwartet, das wird sich gleich zeigen. Nur eines steht fest: Alles hat sich schlagartig verändert. Erhofft und erwünscht, doch auch verbunden mit Wehmut. Ihr Leben hier kann nicht mehr dasselbe sein. Es ist zu Ende. Es war einmal………. 

                                                                                                                 *

Bewerte diesen Beitrag:
0

Kommentare

  • Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!

Kommentar hinterlassen

Gast Dienstag, 03 Februar 2026
Für Femina's Buch
klick hier>>
Sozieterna liebt
fuer seine Geschaeftsethik und seine hochwertigen Produkte. Auch die Haut liebt sie und so tun Nase und Augen. Absolut emphehlenswert.